Entfernungsmessung in der Astronomie
1. Die Parallaxen-Methode
Betrachtet man ein nahes Objekt (z.B. den Zeigefinger) abwechselnd aus dem linken und aus dem
rechten Auge, so scheint es vor dem weiter entfernten Hintergrund hin- und herzuspringen. Diesen Effekt
macht sich die Astronomie bei der Entfernungsmessung in größerem Maßstab zunutze. Ein
nahegelegener "Fix-"Stern wird im Vergleich zu dem weiter entfernten Sternenhintergrund von zwei
verschiedenen Orten aus beobachtet, die im Vergleich den beiden Augen entsprechen. Um aber ein solches
Hin- und Herspringen bei einem so unvorstellbar weit entfernten Stern überhaupt erkennen zu
können, muß die Entfernung zwischen den beiden Beobachtungsorten selbstverständlich
größer als die wenigen Zentimeter Augenabstand sein, denen sich der Mensch bei seinen
unbewußten Entfernungsabschätzungen (bzw. beim räumlichen Sehen) bedient. Selbst eine
so große Distanz wie z.B. zwischenden Teleskopen in Spanien und Chile reicht für die
unvorstellbar großen Entfernungen der Sterne nicht aus.
Also machen sich die Astronomen die größte "Basisentfernung" zunutze, die uns derzeit
zur Verfügung steht: Den Erdbahndurchmesser. Sie fotografieren einen Stern und seinen
"Hintergrund" zweimal, und zwar in genau sechsmonatigem Abstand. So hat man den Stern aus zwei genau
entgegengesetzten "Ecken" der Erdbahn fotografiert. Wenn man die beiden Fotografien nun miteinander
vergleicht, sieht man, daß der Stern sich in den sechs Monaten zwischen den Beobachtungen
scheinbar ein Stück am Himmel bewegt hat, genauso, wie sich der Zeigefinger scheinbar bewegt hat,
wenn wir ihn erst aus dem einen und dann aus dem anderen Auge betrachtet haben. Je weiter der Stern von
uns entfernt ist, desto kleiner ist natürlich seine scheinbare Bewegung, die sogenannte
Parallaxe. Wenn ein Stern doppelt so weit entfernt ist wie ein anderer, so ist seine Parallaxe
halb so groß, ist er dreimal so weit entfernt, so ist seine Parallaxe ein Drittel so groß,
usw. Anders ausgedrückt: Die Entfernung r des Sterns verhält sich umgekehrt proportional zu
seiner Parallaxe p:
r~1/p
Diese scheinbare Bewegung oder Parallaxe läßt sich durch mehrfache Beobachtung des Sterns
von dessen Eigenbewegung in der Milchstraße unterscheiden, denn alle zwölf Monate kehrt die
Erde ja wieder an den Ursprungsort auf ihrer Bahn zurück, wodurch auch der Stern wieder am selben
Ort wie vor zwölf Monaten sein muß. Wenn er dies nicht ist, so weiß man, daß
sich der Stern in dieser Zeit tatsächlich bewegt hat. Die Parallaxenbewegung ist übrigens ein genaues Abbild der Erdbahn, wie sie vom Stern aus
aussieht. Der Stern scheint also bei näherem Hinsehen eine mehr oder weniger geneigte Ellipse zu
beschreiben. Um seine Eigenbewegung aus den Berechnungen herauszufiltern, muß der Stern in der
Praxis 30 bis 50 mal in vier bis sieben Jahren beobachtet werden.
Für die mathematische Entfernungsbestimmung nach der Parallaxenmethode muß die
Trigonometrie angewandt werden. Hierbei wird als Basislinie nicht der Durchmesser der Erdbahn benutzt,
sondern der Erdbahnhalbmesser a, also die Entfernung Erde-Sonne. Dieser bildet zusammen mit dem Stern
ein rechtwinkliges Dreieck, in dem gilt:
Die gesuchte Entfernung zum Stern ist r, die Parallaxe p ist durch die
Beobachtung ermittelt worden und a (der Erdbahnhalbmesser) ist bekannt und entspricht genau 1 AE
(Astronomische Einheit), also 149,6 Mio. km.
(Die Parallaxe p ist hierbei allerdings nur die Hälfte des
Winkels, den der Stern in sechs Monaten am Himmel scheinbar zurücklegt, denn a ist ja auch nur die
Hälfte der Strecke, die die Erde von ihrer Position sechs Monate zuvor trennt, nämlich der
Erdbahnhalbmesser.)
Laut Definition entspricht eine Parallaxe von 1" (Bogensekunde, 1" = 1/3600°) einer Entfernung
des Sterns von genau 1 pc (parsec, von Parallaxe und (Bogen-)Sekunde). 1 pc sind etwa 3,26 Lj
(Lichtjahre), 200'000 AE oder 30 Billionen km. Wenn wir die Entfernung des Sterns in pc angeben, gilt
das Gesetz:
Diese Formel bedeutet einfach nur das, was oben schon festgestellt wurde, nämlich daß die
Entfernung des Sterns sich umgekehrt proportional zu seiner Parallaxe verhält: Beträgt die
Parallaxe 1", so ist der Stern 1 pc entfernt, beträgt die Parallaxe 0,5", so ist der Stern 2 pc
entfernt usw..
Schon der uns nächstgelegene Stern Proxima Centauri hat eine Parallaxe von nur 0,765"
(entsprechend 1,31 pc), und derzeit lassen sich nur Parallaxen von bis hinab zu 0,01" mit
einigermaßen zuverlässiger Genauigkeit bestimmen. Daher eignet sich die Parallaxenmethode
nur in unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft von etwa 100 pc oder 300 Lj. Eine weiterreichende
Variante der Parallaxen-Methode benutzt nicht die Bewegung der Erde um die Sonne, sondern die der Sonne
selbst innerhalb der Milchstraße als Basis für Entfernungsbestimmungen. Die Sonne legt
nämlich innerhalb eines Jahres immerhin etwa 630 Mio. km in der Milchstraße zurück.
Dies führt bei benachbarten Sternen zu einer sogenannten säkularen Parallaxe, die sich
allerdings nicht leicht von der Eigenbewegung des Sterns unterscheiden läßt. Diese Methode
läßt sich zwar nicht auf einzelne Sterne, wohl aber auf ganze Sternhaufen anwenden, und zwar
bis in eine Entfernung von etwa 5000 pc (15'000 Lj).
2. Die Cepheiden-Methode
Will man weiter in den Raum vordringen und die Ausmaße unseres Milchstraßensystems oder
gar die Entfernungen anderer Sternensysteme bestimmen, so muß man sich weitaus ungenauere
Verfahren zunutze machen als die Parallaxen-Methode. Fast alle beruhen auf der Annahme einer bestimmten
Leuchtkraft für ein Objekt. Dafür müssen zunächst vier Begriffe unterschieden
werden:
1. Die scheinbare Helligkeit m bedeutet, wie hell ein Objekt von der Erde aus erscheint. Sie
geht auf den Griechen Hipparch zurück, der die Sterne in sechs "Größenklassen"
unterteilte: die hellsten waren für ihn Sterne 1. Größe, die schwächsten, mit
bloßem Auge gerade noch sichtbaren Sterne waren 6. Größe. Auf Sternkarten und
Himmelsfotografien kann man in der Regel scheinbare Helligkeiten unterscheiden (große oder
kleine Kreise, helle oder weniger helle Punkte).
2. Die absolute Helligkeit M besagt, welche scheinbare Helligkeit ein Objekt hätte, wenn
es sich in einer Entfernung von genau 10 pc von der Erde befände. Nur die absolute Helligkeit sagt
wirklich etwas über den Stern selbst aus. Auch die Helligkeit von zwei Glühbirnen kann man ja
erst dann sinnvoll miteinander vergleichen, wenn man sie im selben Abstand von sich (z.B. 10 m statt 10
pc) nebeneinander aufstellt. Beide Helligkeiten (und oft auch die Leuchtkraft, siehe 4.) werden in mag
(lat. magnitudo; Größenklassen, statt "mag" oft hochgestelltes m über dem Komma
zwischen den Dezimalen) angegeben. Je heller ein Objekt ist, desto kleiner ist seine
Größenklasse. Ein Unterschied von 1 mag bedeutet die 2,512fache Helligkeit, deshalb ist das
Rechnen mit Größenklassen recht kompliziert. Einfacher als mit "astronomischen" Helligkeiten
läßt sich mit deren "physikalischen Gegenstücken" umgehen:
3. Die Bestrahlungsstärke E ist praktisch dasselbe wie die scheinbare Helligkeit:
E ist die Strahlungsleistung, die auf eine Fläche trifft (Einheit:
W/m2).
4. Die Leuchtkraft L ist das "physikalische Gegenstück" zur absoluten Helligkeit.
L ist die gesamte Strahlungsleistung (in Watt) eines Objekts. Wir wissen aus der
Alltagserfahrung, daß es einen Zusammenhang zwischen der Entfernung, der Bestrahlungsstärke
und der Leuchtkraft eines Objekts gibt. Wenn wir z.B. zwei Glühbirnen mit je 60 W Leuchtkraft in
unterschiedlichen Entfernungen von uns aufstellen, wird uns die nähere Glühbirne
selbstverständlich heller erscheinen als die weiter entfernte. Der Grund dafür ist einfach:
Das Licht breitet sich von jeder Glühbirne kugelförmig in den Raum aus, und je weiter die
Glühbirne entfernt ist, desto weniger Licht gelangt in unser Auge, weil die Pupille mit
zunehmender Entfernung einen immer kleineren Teil der "Lichtkugel" abdeckt. Die Leuchtkraft der
Glühbirne verteilt sich also auf die Oberfläche der Lichtkugel. Die Lichtenergie, die auf
1 m2 trifft, also die Bestrahlungsstärke E, ist deshalb gleich der
Leuchtkraft L der Glühbirne geteilt durch die Kugeloberfläche A:
Die Formel für die Oberfläche A der (Licht-) Kugel ist
A = 4p· r2.
Also gilt sowohl für Glühbirnen als auch für Sterne:
Oder nach r umgeformt:
Mit dieser Formel läßt sich nun die Entfernung r eines Sterns berechnen, wenn man E und L kennt. Die Bestrahlungsstärke E kann man messen, nur für L gibt es keine direkte Messung. Man kann aber aufgrund bestimmter Eigenschaften eines Sterns Vermutungen über dessen Leuchtkraft anstellen (z.B. bei Cepheiden-Sternen, s.u.).
Wenn man die Formel nach L umformt, erhält man:
L = E · 4p· r 2.
Jetzt kann man die Leuchtkraft eines Objekts berechnen, wenn man vorher die Bestrahlungsstärke
E und die Entfernung r (z.B. mit der Parallaxen-Methode) bestimmt hat.
(Übrigens ergibt sich aus diesen Formeln noch ein einfacher, grundlegender Zusammenhang:
Wenn man den Radius einer Lichtkugel (sprich: die Entfernung des Sterns) verdoppelt, dann vervierfacht
sich die Oberfläche der Lichtkugel. Das bedeutet, es trifft nur noch ein Viertel (2-2)
des Lichts auf 1 m2 wie zuvor. Wenn der Abstand sich verdreifacht, kommt nur noch ein
Neuntel (3-2) des Lichts auf 1 m2 an. Bei vierfachem Abstand trifft nur noch ein
Sechzehntel (4-2) des Lichts auf 1 m2, usw. Anders ausgedrückt: Wegen der
gleichmäßigen Ausbreitung des Lichts im Raum verhält sich die Entfernung r eines
Objekts umgekehrt proportional zum Quadrat seiner Bestrahlungsstärke
E: r~ E -2)
Die "astronomischen Gegenstücke" zu E und L sind die scheinbare Helligkeit m und die absolute
Helligkeit M. Man kann folglich auch die Entfernung eines Objekts berechnen, wenn man seine absolute
(und seine scheinbare) Helligkeit kennt. Umgekehrt läßt sich auch die absolute Helligkeit berechnen, wenn man die Entfernung (und
die scheinbare Helligkeit) kennt.
Anfang des Jahrhunderts war die taube amerikanische Astronomin Henrietta Swan Leavitt damit
beschäftigt, tausende Fotoplatten mit Aufnahmen der Kleinen Magellanschen Wolke auszuwerten, in
der sich einige Veränderliche vom Cepheiden-Typ befinden. Diese Sterne verändern in
regelmäßigen Abständen von ein paar Tagen oder Wochen durch innere Instabilität
ihre Durchmesser und gleichzeitig ihre Leuchtkraft. Miss Leavitt erstellte aus den Aufnahmen
sorgfältig die Helligkeitskurven für 25 Cepheiden. Dabei stieß sie auf einen
erstaunlichen Zusammenhang: Je größer die Periode der Helligkeitsschwankung war, desto
größer war auch die scheinbare Helligkeit des Sterns insgesamt. Diesen Zusammenhang
konnte man als Funktion darstellen, in der jeder Periode eine scheinbare Helligkeit zugeordnet wird.
Da die von Miss Leavitt beobachteten Cepheiden alle der Kleinen Magellanschen Wolke angehörten und
damit also gleich weit von der Erde entfernt waren, wußte sie, daß es auch eine
Perioden-Leuchtkraft-Beziehung geben mußte und veröffentlichte ihre Ergebnisse im Jahre 1912.
Die Fachwelt kannte nun zwar den qualitativen Zusammenhang zwischen der scheinbaren Helligkeit und
der Periode der Cepheiden, nicht aber den quantitativen zwischen ihrer Periode und der
tatsächlichen Leuchtkraft. Einfacher ausgedrückt: Es galt nun, aus der Beziehung
"je größer die Periode, desto heller der Cepheid" eine Beziehung zwischen der Periode und
der Leuchtkraft eines Cepheiden herzustellen. Dazu würde es ausreichen, die Entfernung für
einen einzigen Cepheiden irgendwo in der Milchstraße zu kennen, mit dem man die Beziehung dann
"eichen" könnte. Wenn man nämlich die Entfernung eines Cepheiden kennt, kann man auch seine
Leuchtkraft bestimmen (s.o.). Damit könnte man dann mittels der Funktion von Miss Leavitt eine
Perioden-Leuchtkraft-Beziehung aufstellen. Das Dilemma war aber, das kein Cepheid sich in Reichweite
der Parallaxen-Methode befindet.
Allerdings gibt es neben der parallaktischen Meßmethode noch
eine ganze Reihe anderer Entfernungs-Meßmethoden, die zwar nicht ganz so einfach und genau sind.
Weil aber kaum jemand einer einzigen Methode allein über den Weg traut und weil alle Methoden
unterschiedliche Reichweiten haben, sind sie immer noch von größter Bedeutung für die
Astronomie. Diese Methoden machen sich z.B. die Bewegung der Sterne in der Milchstraße oder
bestimmte Eigenschaften von Sternhaufen zunutze. Viele von ihnen wurden schon am Anfang des
Jahrhunderts entwickelt.
Perioden-Helligkeits-Beziehung der Cepheiden (d Cephei-Sterne) und
ähnlicher Veränderlicher
Mit verschiedenen Methoden gelang es Astronomen schon kurz nach Leavitts Entdeckung, die
Perioden-Helligkeits-Beziehung zu eichen und so erstmals die Entfernung der Kleinen Magellanschen Wolke
zu bestimmen. Die ersten "Eichungen" und Entfernungsbestimmungen lagen jedoch wegen vieler
Unsicherheiten, u.a. in der Entfernungsmessung der Milchstraßen-Cepheiden (also der "Eichsterne"),
kräftig daneben: Der junge Ejnar Hertsprung kam auf nur 3000 Lj, eigentlich hätten bei seiner
Berechnung aber immerhin 30'000 Lj herauskommen müssen, das falsche Ergebnis beruhte vielleicht
auf einem Druckfehler.
Es dauerte zwar noch lange, bis man die wahre (genauer: die heute weitgehend akzeptierte)
Entfernung der Kleinen Magellanschen Wolke erkannte, die bei etwa 200'000 Lj liegt. Schon bald aber
verhalf die Cepheiden-Meßmethode zur Klärung eines Anfang des Jahrhunderts (erneut)
aufgeflammten Astronomen-Konflikts. Es ging um die Frage, ob die Spiralnebel, die man schon seit
Jahrhunderten beobachtet hatte, nur Teile der Milchstraße waren oder doch eigenständige
"Welteninseln", also Galaxien wie unsere Milchstraße. Zu Beginn des Jahre 1925 konnte Edwin
Hubble die jahrelange Diskussion endlich beenden, denn er hatte mit dem leistungsstarken 2,5-Meter
Teleskop des Mount Wilson Observatory in Kalifornien einen Cepheiden im Andromeda-Nebel entdeckt. Mit
dessen Hilfe (und mit einer verbesserten Perioden-Leuchtkraft-Beziehung) konnte er die Entfernung zu
900'000 Lj bestimmen (heutiger Wert: etwa 2'300'000 Lj). Damit mußte es sich bei den Spiralnebeln
um eigenständige Galaxien handeln, und das Universum erschien wieder einmal um einiges
größer, als man bis dahin geglaubt hatte.
Robert Stresing, November 1995
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